Ein Aufruf, nicht den Atem zu verlieren

FairCoop drückt unser Mitgefühl und unsere Solidarität für MACAO aus, einem Kollektiv, bedroht durch einen Räumungsbefehl der lokalen Stadtverwaltung von Mailand.

MACAO, als ein unabhängiges Zentrum für Kunst, Kultur und Forschung, experimentierte über Jahre an neuen Formen der Fürsorge und Sozialpolitik von unten, um die kulturelle Produktion und die "Commons" zu fördern. 

Faircoop und MACAO kooperieren und kollaborieren bei der Entwicklung vernetzter Netzwerke und bei der Nutzung von Kryptowährungen, um die Verbreitung von Kreislaufwirtschaftspraktiken zu fördern. Wir haben zusammengearbeitet, um wirtschaftliche und technische Werkzeuge zu schaffen, immer unter Berücksichtigung des Rechts auf Lebensqualität.

In der hier verbreiteten Erklärung vom MACAO Kollektiv, wird ein bekannter und alarmierender Rahmen aufgedeckt: Auf der einen Seite der Anstieg von fremdenfeindlichen und autoritären Rechten in Europa und auf der anderen Seite die Blindheit der neoliberalen Linken, die oft den Weg geebnet und den Boden für diese Situation bereitet haben. Das in diesem Rahmen dargestellte Bild kann uns nicht gleichgültig sein.

Desto beängstigender - sagen sie - ist nicht der Verlust des Raumes selbst, sondern den Atem zu verlieren: das Recht auf die Stadt, auf die Selbstbestimmung des Körpers, auf soziale Gerechtigkeit, auf Konflikt, auf Schöpfung, auf freien Ausdruck der Sexualität und ein lebenswertes Leben.

-------------------------------------------------------------------------------------------------

(Nachfolgend die Volltextaussage, die vom MACAO-Kollektiv verbreitet wurde)

-------------------------------------------------------------------------------------------------

Requiem der Neoliberalen Linken

Wir wollen in dieser Phase sehr mutig sein. Es scheint uns nicht die Zeit der Rhetorik, der Wortwechsel oder der moderaten Positionen zu sein. Es steht zu viel auf dem Spiel, um nur indirekte, omertose und mehrdeutige Positionen einzunehmen, welche nur dazu dienen in der eigenen Komfortzone verbleiben zu können. Sicher, auf dem Spiel steht MACAO, aber auch die Stadt Mailand und die Möglichkeit,  politische Räume zu erdenken und zu erschaffen, die dem Leben und der Träume der Menschen entsprechen.

Somit geht es nicht nur um die Verteidigung von Positionen, Orten und Entwicklungspfaden die uns am Herzen liegen.

Ablauf der jünsten Ereignisse: 

Am Freitag dem 14.September erfahren wir durch ANSA, dass die Stadt Mailand die Jugendstilgebäude von Viale Molise an den von BNP Paribas verwalteten Investmentfonds verkaufen wird. 

Der Mechanismus ist einfach: Gegen den Verkauf kann die Gemeinde den Wert der im Fonds enthaltenen Immobilien in der Bilanz angeben und "versuchen", durch den Verkauf von Staatsvermögen Geld zu machen. 

Der Fond, der im Dezember auslaufen würde, erbrachte bislang nur Resultate aus dem Teilverkauf der ihm zugeteilten Immobilien. In der Hoffnung auf eine Erholung des Immobilienmarktes,hat die Stadt beschlossen, diesen Fonds zu erweitern und zu verlängern, um nicht Rückzahlungen der Finanzinvestitionen an die Bank leisten zu müssen. Bei der Erweiterung dieses Fonds wurden die Gebäude von Viale Molise, einschliesslich der von MACAO, im Gesamtwert von über 22 Mio. EUR geschätzt. 

Für die Auktionshäuser besteht der Wert der Immobilie auch durch ihre Verfügbarkeit, also ihrem leeren Zustand. Daher sollen sie vor dem Verkauf geräumt werden.

Kurz gesagt: Die Schulden der öffentlichen Verwaltung wachsen und der Haushaltsbewerter räumt und verkauft MACAO.

Wir können uns nicht damit abfinden, dass diese Regierung, eine der wenigen noch verbliebenen „linken“ Regierungen in Italien, einen jahrelangen politischen Prozess entscheidet zu disqualifizieren. In diesem Diskurs ging es um die Verwaltung des öffentlichen Eigentums als gemeinsames Gut und das Recht auf Selbstorganisation und Selbstbestimmung. Sie deklassiert die Frage um die Existenberechtigung von MACAO nun in paternalistischer Weise auf „Bedürfnisse der jungen Menschen nach einem Jugendzentrum“.  Dazu kommt, dass sie behaupteten neutral zu sein: das kleinere Übel aufgrund höherer Gewalt.

Wir sind es leid die Auswirkungen dieser Mentalität an unserem Leib zu spüren, während für das angebliche allgemeine Wohl von Lobbies, Finanzinstitutionen und Konzernen bestimmt wird und dinge wie die libyschen Folterlager, die DDL Cirinnà, die erschreckende weibliche Todesrate, die ständige wirtschaftliche Erpressung, unter der wir leben und auch die Reform des Artikels 18 und der Schule, der Urheberrechtsrichtlinien gerechtfertigt wird. Es ist diese Denkweise, die uns in ein konservatives, reaktionäres Szenario versetzt, das den Weg für den Aufstieg der Rechten ebnet und uns Jahrzehnte zurückversetzt.

Die Logik des geringeren Übels hat uns in eine konservative und reaktionäre Welt geführt, die das ungebremste Anwachsen der Rechten erlaubt und uns in die Vergangenheit zurückgehen lässt: Zeiten, in denen Frauen "Donne" waren, sich nicht konforme Menschen verstecken mussten, Dissidenten in die Gefangenschaft gingen - und Züge pünktlich ankamen. Bezüglich wer in der Stadt lebt und wer sie verwaltet, wollen wir Administratoren, die zu einem anderen Dialog fähig sind und welche bereit sind Risiken einzugehen. In Neapel, aber nicht nur in Neapel: In Barcelona und in London, um nur zwei der größten Städte Europas zu nennen, ist der Dialog keine Wohltätigkeitsaktion, die ein Vater seinen Kindern gewährt, wie es in der Erklärung von Assessore Tasca heisst. In den letzten Jahren haben wir diese politische Herausforderung ernst genommen, wir sind Risiken eingegangen, haben sogar mit den Institutionen an einem Tisch gesessen und unsere Kompetenzen und unsere (unbezahlte) Arbeit in die Schaffung innovativer Rechtsinstrumente eingebracht, mit dem Ziel, Milano in diesem Kontext zu einer der innovativsten Städte in Europa zu machen.

Wir haben es nicht nur für eine Welt in der wir leben möchten getan, sondern auch, weil wir der Herausforderung der Souveränitätsrechte gerecht werden wollen, und weil dies der einzige Weg ist, um nicht zusehen zu müssen, wie Milano ihnen erliegt. Kurz gesagt, was uns Angst macht, ist nicht einen Ort zu verlieren, sondern, dass uns die Luft aus geht und wir das Recht auf Staatsbürgerschaft, auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper, auf soziale Gerechtigkeit, auf Konflikte, auf Schöpfung, auf jede Form von Sexualität, auf ein lebenswertes Leben verlieren. Es ist nicht wahr, dass links und rechts nicht mehr existieren. Obwohl die Realität heute komplexer ist, ist diese falsche Erzählung einer der Gründe, weshalb wir jede Reduktion von Rechten, Räumen und Möglichkeiten erlitten und verschluckt haben. Rechts und links existieren wirklich; aber da Ersterer eine klare Zukunftsvision hat, fummelt dieser. Wir können nicht zulassen, dass wir diese Todesgeschichte weiterleben, wir werden nicht zulassen, dass eine "linke" Regierung uns mit in ihr eigenes Grab zieht. Um nicht zuzulassen, dass Salvinis Schatten die Stadt erobert, muss er sich ernsthaft etwas anderes vorstellen können, und was momentan dort ist, muss verloren gehen und sterben.

Das ist ihre Beerdigung. Wir laden zu dieser Beerdigung ein, zum Requiem der Neoliberalen Linken, am 5. Oktober um 18.30 Uhr vor dem Palazzo Marino.  Es wird ein weltlicher Ritus sein, an dem alle teilnehmen können.

 

Brought to you by the multi-lingual FairCoop community. Visit the FairCoop main website or FairCoin. | CMS Login

To top